Gibt es ein „richtig" und „falsch" im Familienleben?
- Elisabeth Saustingl
- Apr 8
- 4 min read
„Habe ich gerade etwas falsch gemacht?“
Dieser Gedanke schleicht sich bei so vielen Eltern ein. Nach einem schwierigen Moment.
Nach einer Reaktion, die sich nicht gut angefühlt hat. Nach einem Tag, an dem einfach alles zu viel war. Und dann kommt oft noch dieser Satz dazu:
„Ich möchte es besser machen als meine Eltern – aber schaffe ich das überhaupt?"
Falls du das kennst, möchte ich dir etwas sagen: Du kannst es nicht falsch machen.
Wirklich nicht.
Es gibt kein „richtig" und kein „falsch" – es gibt nur das Leben

Wir alle tragen diese Kategorien in uns: richtig und falsch. Gut und schlecht. Erfolg und Versagen. Aber mal ehrlich – wer entscheidet das eigentlich?
„Richtig" und „falsch" sind Bewertungen unseres Verstandes. Sie sind unsere Art, das Leben zu sortieren, zu kontrollieren, um uns sicherer zu fühlen. Doch das Leben selbst kennt diese Kategorien nicht. Es gibt nur Erfahrungen. Momente. Begegnungen. Lernen.
Wenn du dich also das nächste Mal fragst: ob du etwas falsch gemacht hast, dann atme
durch und erinnere dich: Du hast eine Erfahrung gemacht. Du und dein Kind.
Natürlich gibt es Grenzen. Gewalt, Vernachlässigung, Misshandlung haben nichts mit
Liebe zu tun. Das möchte ich hier ganz klar sagen. Aber darum geht es den meisten von
uns nicht. Es geht um die alltäglichen Momente, in denen wir zweifeln. Und in diesen Momenten darfst du dir erlauben, einfach Mensch zu sein.
Dürfen wir aufhören, unseren Eltern die Schuld zu geben?
Viele von uns tragen etwas aus der eigenen Kindheit mit sich. Momente, die wehgetan
haben. Muster, die uns nicht gutgetan haben. Sätze, die noch immer nachhallen.
Und ja, es ist wichtig, dies genauer zu betrachten und zu erkennen, was dir nicht gut getan
hat und was du anders machen möchtest.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen Bewusstsein und Vorwurf. Unsere Eltern haben
auch nur ihr Bestes getan – nach bestem Wissen und Gewissen, mit den Werkzeugen, die
sie hatten. Vielleicht waren diese Werkzeuge nicht die besten. Vielleicht waren sie selbst
verletzt. Vielleicht wussten sie es nicht besser. Das bedeutet nicht, dass alles okay war.
Aber es bedeutet, dass wir die Schuld loslassen dürfen. Denn Schuldvorwürfe bringen
niemandem etwas.
Was dir hilft: Erkenne, was du heute brauchst und welche Muster du verändern möchtest,
und gehe dann mit Mitgefühl für alle Beteiligten deinen eigenen Weg.
Dein Kind ist ein eigener Mensch – und das ist wunderschön
Selbst wenn es ein „richtig" gäbe – du könntest es trotzdem nicht für dein Kind wissen.
Warum? Weil dein Kind ein eigener Mensch ist. Mit eigenen Erfahrungen. Eigenen
Empfindungen. Einer eigenen Seele, die schon so viel mitbringt.
Etwas, das für dich wunderbar ist, kann sich für dein Kind ganz anders anfühlen. Etwas,
das du als Unterstützung meinst, kann es vielleicht als Druck empfinden. Oder umgekehrt.
Vielleicht kennst du das auch aus deiner eigenen Familie: Wenn du deine Geschwister
oder Eltern nach einer gemeinsamen Situation fragst, werdet ihr sie oft unterschiedlich
erinnern. Weil jeder seine eigene Wahrheit hat. Seine eigene Perspektive. Das ist keine
Schwäche. Das ist das Leben.
Was Kinder wirklich brauchen
Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen keine Eltern, die alles richtig
machen, nie zweifeln, immer die passende Antwort haben.
Sie brauchen Eltern, die da sind. Die sie lieben – auch wenn sie mal Blödsinn bauen. Die
ihre Gefühle fühlen und zeigen dürfen. Die bereit sind, sich zu entschuldigen. Die Konflikte
eingehen, statt alles glatt zu bügeln. Die sagen: „Ich weiß es auch nicht immer. Aber ich
bin hier."
Kinder brauchen Räume, in denen sie sich ausprobieren dürfen – und in denen sie sich
gleichzeitig gehalten fühlen. In denen sie wissen: „Was auch passiert, ich bin hier
willkommen. Ich bin geliebt."
Lass die Angst los

Ich weiß, wie schwer es ist, diese Angst loszulassen – nicht gut genug zu sein, zu
scheitern, dem Kind zu schaden.
Aber lass mich dir etwas sagen: Das größte Geschenk, das du deinem Kind machen
kannst, ist nicht Perfektion. Es ist Selbstliebe.
Denn dein Kind lernt am Modell. Und wenn es sieht, wie du liebevoll mit dir umgehst –
auch wenn du Fehler machst, auch wenn du zweifelst, auch wenn du mal überfordert bist
– dann lernt es genau das. Es lernt: „Ich darf Mensch sein. Ich darf mich selbst lieben. Ich
darf für mich sorgen."
Also sei einfach du selbst. Sei gut zu dir. Sorge gut für dich. Atme durch, wenn es schwer
wird. Dein Kind braucht keine perfekte Version von dir. Es braucht die echte.
Es geht um Beziehung, nicht um Erziehung
Anstatt dich ständig zu fragen: „Wie mache ich es richtig? Was ist die beste
Erziehungsmethode? Wie reagiere ich jetzt optimal?" – frag lieber:
„Was brauchst du gerade? Wie kann ich für dich da sein? Darf ich dir zuhören?"
Es geht weniger um Erziehung als um Beziehung. Es geht nicht darum, dein Kind zu
formen, zu lenken, zu perfektionieren. Es geht darum, mit ihm in Verbindung zu sein. Es
zu sehen. Es zu begleiten.
Und das kannst du. Jeden Tag. In jedem Moment. Auch dann, wenn du das Gefühl hast,
gerade alles falsch zu machen.
Atme durch – du machst das wunderbar
Lass den Druck los. Stück für Stück.
Du kannst nichts falsch machen. Solange du dein Kind liebst. Solange du bereit bist,
hinzuschauen, zu lernen, zu wachsen. Solange du versuchst, in Beziehung zu sein. Das
ist genug.
Wenn dich diese Themen berühren, melde dich gerne zu meinem Newsletter an, um keine weiteren Blogbeiträge und Buchneuheiten zu verpassen.



Comments